VORWÄRTS - Zum 40. Gründungstag des
Singeklubs Maxhütte Unterwellenborn

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Wie es danach
weiterging...

Das letzte Jahr: 1984

Ein Hinweis : Wenn Ihr auf die kleinen Fotos klickt, bekommt Ihr sie in einem extra Fenster groß angezeigt...

Rolf Wegässer war nach der Werkstattwoche 1982 ersteinmal aus dem Klub ausgestiegen - zeitliche
Gründe und der Beruf ließen es nicht zu, weiter im Klub zu proben und aufzutreten. Er hatte dem Klub
aber einen Ersatz-Gitarristen Rony Kerl verschafft, der fast ein Jahr lang im Klub mitspielte und sich
durch sehr gute Gitarrenkenntnisse auszeichnete. Als abzusehen war, daß Rony zu den Arbeiterfest-
spielen bereits bei der Armee sein würde, kümmerten er und Rolf sich um Ersatz und brachten Volker
Burkert
und wenig später Mirko Kühnert mit. Volker fand sehr schnell Kontakt und seine exzellent
gespielte Rock-Gitarre brachte endlich den Sound, den der Klub so lange gesucht hatte. Thomas, Rolf
(der nun auch wieder einstieg), Matthias und Udo Klinger (von der Armee zurück und wieder am Schlag-
zeug) liefen bei der Intrumentierung der Titel zu Höchstformen auf. Von Jahresbeginn an wurde am Pro-
gramm für die Arbeiterfestspiele geprobt, Migo hatte genügend Texte geliefert und auch Bernd Roth hat-
te angefangen, Texte zu schreiben. Die SED-Kreisleitung hatte die 20. Arbeiterfestspiele zur Führungs-
sache erklärt - was bedeutete, daß sie sich in alles reinhängen wollte. Seitens der Betriebs-, Gewerk-
schafts- und FDJ-Leitung gab es für den Klub wie auch für das Maxhüttenensemble alle finanzielle und
organisatorische Unterstützung. Der Finanzplan zur Vorbreitung der Arbeiterfestspiele sah für den Sin-
geklub immerhin fast 10.000 Mark vor. Auch die SED - Kreisleitung unterstützte den Klub: mit einem
Paten in Gestalt ihrers Wirtschaftssekretärs. Er sollte uns politisch-inhaltlich beraten, mit anderen Wor-
ten also : überwachen. Das tat er dann auch mit weitreichenden Folgen für den Klub...

Die Fotos : Texte und Fotos vor Abfahrt zu
den Arbeiterfestspielen nach Jena

Die Fotos : Liedtext / Fotos vom Auftritt im
Wohngebiet Jena - Lobeda

Inhalt des Programms war der Bericht über eine Jugendbrigade des Walzwerkes, die geteilt werden sollte, weil ein Teil zur neu gebauten und im Probe-
betrieb befindlichen neuen Kombinierten Formstahlstraße wechseln sollte. Genau das geschah zu diesem Zeitpunkt auch in der Realität und der Klub
erzählte also nicht eine ausgedachte Geschichte, sondern sehr Reales. Fiktiven Brigadetagebucheinträgen und Wandzeitungsartikeln wurden Lieder
zugeordnet, die sehr reale Probleme der Kumpel und des Werkes behandelten. So zum Beispiel die "Wäschst Du mir meine Hand, wasch ich Dir Deine
Hand"-Problematik, Das Problem der "Alten" im Werk oder die Stellung der Frau im Produktionsprozess wie im Lied "Brigitte". In "Was für einer bist Du?"
wurde gefragt, was für ein Mensch ein Leiter sein müsse und in der "Ablehnung" gefragt, ob Wettbewerb nur ein Schauspiel sein solle, bei dem es
um Orden und Prämien geht. Auch die Jugend-Thematik wurde angesprochen. In einem Lied über Vorurteile gegenüber Jugendlichen lautete der ur-
sprüngliche Refrain "Wehrt Euch! Ihr seid nicht, wie man von Euch denkt". Die Aufforderung, sich gegen etwas zu wehren rief beim "Paten" helles Ent-
setzen hervor und er riet dem Klub, diese Zeile zu überdenken. Okay, das ging noch. Das zweite Lied zum Thema Jugend, mit der Aufforderung, sich auf
den Hosenboden zu setzen und sich auf die neue Technik (z.B. Computer) vorzubereiten, wurde gnädig abgenickt. Das dritte Jugend-Lied - der spätere
Knackpunkt - kannte er zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht....

Im April ab es erst noch einen zweiten Auftritt bei "rund" in Hermsdorf, wo das Fernsehen auch wieder das Bierlied wollte, aber die "Ermutigung" bekam.
Bis Anfang Mai hatte der Klub relative Ruhe vor seinem "Paten". Dann wurde verlangt, daß alle Gruppen und Ensembles ihre Texte und Lieder bei der
Kreisleitung der SED einreichen sollte. Auch der Singeklub schickte seine Texte ein. Zur Bezirkswerkstatt wurde des Programm vorgestellt - und kam
auch gut an und seitens der FDJ- BL gab es grünes Licht für die Aufführung zu den Arbeiterfestspielen. Kurz darauf ging es zum Pfingsttreffen nach
Berlin, wo der Klub zwei Auftritte hatte. Danach wurde weiter für die Arbeiterfestspiele geprobt.

Etwa 8 Tage vor den Arbeiterfestspielen hatte der Klub in den Theatersaal des Kulturhauses zur offiziellen Premiere vor Betriebs-, Gewerkschafts- und
FDJ-Leitung sowie der Öffentlichkeit eingeladen. Zwei Stunden zuvor erschienen der "Pate" und der Sekretär für Agitation und Propaganda der SED-
Kreisleitung (den Namen verschweigen wir, um dem Mann nicht nachträglich noch unverdiente Ehren zu erweisen) hinter der Bühne. Ohne Vorrede
teilten sie dem Klub mit, daß das Sekretariat der SED-KL einen Beschluß gefasst hätte, wonach zwei Lieder aus dem Programm zu streichen seien. Das
eine waren die "Saubermänner", das andere hieß "Offene Fragen".
In dem Lied ging es um eine junge Frau, aus einer Funktionärsfamilie stammend, die nichts mehr von FDJ, Partei und Staat wissen wollte, deren Freund
in die BRD ausgereist war und die sich querstellte, nicht mehr in das sozialistische Schema passte. Migo hatte in seinem Text "offene Fragen" ange-
mahnt, die beantwortet werden müßten. Nicht Verurteilung sei gefordert, sondern Dialog. Damit war er natürlich einen Schritt zu weit gegangen. Offene
Fragen hatte es laut Kreisleitung nicht zu geben - also gab es auch keine.
Sofort begann eine scharfe Diskussion, in der es nur so krachte. Vor allem Bernd, Thomas und Migo legten sich mit den Funktionären an. Migo hatte
irgendwann die Schnauze voll und ließ die Sekretäre stehen. Diese beendeten die Diskussion mit: "Entweder die Lieder fliegen raus oder ihr fahrt nicht
zu den Arbeiterfestspielen!" Zunächst einmal fand die Premiere statt - danach setzte sich Migo ans Telefon und rief in der SED-Bezirksleitung, Abteilung
Kultur an, um sich zu beschweren. Klar, daß sich der zuständige Bezirksfuzzi hinter die SED - KL stellte. Der nächste Anruf ging in die FDJ-BL zu Helmut
Kluh und Rainer Uhlmann. Diese wiederum stärkten den Klub den Rücken und sagten, wir sollten vorbeikommen. Zwei Tage später fuhren Bernd und
Migo nach Gera. Man war sich danach einig, daß das Programm, so wie es zur Werkstatt gelaufen war, auch zu den Arbeiterfestspielen aufgeführt wer-
den würde. Auch die 1. Sekretärin der FDJ-Kreisleitung, sonst nicht gerade eine enge Freundin des Klubs, stand hinter ihm.
Zwei Tage vor der Abfahrt nach Jena kam es zur letzten Aussprache im Jugendzimmer des Kulturhauses. Die SED-Kreisleitung rückte drei Mann hoch an
und der Agit-Prop-Sekretär hatte durch gezielte Falschinformation dafür gesorgt, daß einige Leute, darunter Rolf Wegässer und seine Frau, nicht an
der Beratung teilnehmen konnten. Noch immer stand die Forderung, zwei Lieder raus oder keine Teilnahme. Rainer Uhlmann von der FDJ-BL kämpfte
für den Klub und schließlich wurde vereinbart, daß (zum Ärger der Kreisparteideppen) die Saubermänner im Programm blieben - die "Offenen Fragen"
gestrichen wurden. Wäre der Klub nicht auf den Kompromiß eingegangen, wären die Monate voller Arbeit umsonst gewesen. Diese Kröte mußte also geschluckt werden...

Das Programm wurde im Singezentrum der Arbeiterfestspiele, im Kulturzentrum Jena Lobeda, aufgeführt
und bekam durch die zentrale Beratergruppe, die hier für den Bundesvorstand des FDGB tätig war, sehr
gute Kritiken. Zwar meinte man einschränkend, daß das Programm doch "sehr betriebsspezifisch" sei,
was andererseits aber auch von der Verbundenheit des Klubs zum Werk zeuge und somit zu loben
wäre. Auf jeden Fall wurde die ungemein aufwändige inhaltliche Arbeit des Klubs und die künstlerische
Umsetzung anerkannt. Nach einem weiteren Auftritt im wohngebiet am nächsten Vormittag sollte es zum
letzten Auftritt nach Gera gehen. Migo mußte aber noch zuvor im Kulturhaus in Unterwellenborn anrufen.
Im Organistaionsbüro tagte die Beratergruppe gerade zu den Vorschlägen für die Vergabe der Goldme-
daillen. Irgendwie hatte niemand etwas gegen Migos Anwesenheit - man kannte sich schließlich lange
genug - und so wurde als der Name Maxhütte fiel, einstimmig für eine Goldmedaille gestimmt. Udo
Magister sagte noch augenzwinkernd zu Migo: "Du hast aber nix gehört..."

Die Fotos : Fotos vom letzten Auftritt in Gera
Liedtext "Die Alten" und die Urkunde zur
Goldmedaille der 20. AFS 1984

Doch Migo hatte gehört und verkündete es im Bus auf der Fahrt nach Gera. Große Freude, aber noch immer war es nur ein Vorschlag. Ob man wirklich
eine Medaille hatte, würde sich am Montag zeigen. In Gera erwarete den Klub auf dem "Platz der Thälmannpioniere" ein Hexenkessel. Bekannte DDR-
Rockgruppen spielten dort und wurden bejubelt. Dazwischen traten Singeklubs auf, die gnadenlos niedergepfiffen und -gebuht wurden. Das Merkwür-
digste aber war: Als der Sprecher den Singeklub der Maxhütte ankündigte, kam Riesenbeifall auf. Der Klub konnte die Anlage und Technik der Gruppe
"WIR" benutzen und "rockte" die einige tausend zählenden Zuschauer richtig auf. Die Leute auf der Bühne konntes es kaum fassen, was da abging. Man
hatte natürlich extra jene Lieder gewählt, von denen man wußte, daß sie "abgehen" würden. Und dann kam der Momant, als Migo das letzte Lied, es war
"Hüttenwerk" von KuBa, ankündigte und sagte, daß das der letzte öffentliche Auftritt des Singeklubs gewesen sei und man sich vom Publikum verab-
schieden wolle. Riesenbeifall das ganze Lied über und Gänsehaut bei den Sängern und Musikern auf der Bühne.

Das mit dem Abschied vom Publikum war nicht einfach so dahergeredet. Schon seit geraumer Zeit war man sich im Klub klar darüber geworden, daß
man sich an anderen Formen ausprobieren wollte. Was genau, wußte man noch nicht - man würde es herausfinden wollen. Aber ehe es soweit war,
wollte man sich Zeit lassen. Am Montag nach den Arbeiterfestspielen stand jedenfalls in der Tagespresse zu lesen, daß sowohl Singeklub als auch
Maxhüttenensemble eine Goldmedaille errungen hatten und vier Tage später holten Bernd und Migo diese in Gera ab. Als Migo von der Bühne zu
seinem Platz zurück ging, konnte er es sich natürlich nicht verkneifen, triumphierend-grinsend zu dem Tisch zu blicken, an dem die Verteter der SED-
Kreisleitung Saalfeld saßen. Zu Hause gab es für den Singeklub und das Ensemble sowie die Kulturhaus-Mitarbeiter eine Feier im Kulturhaus Kaulsdorf
und für den Klub gab es eine Prämie von 2000,- Mark.
Wenige Tage darauf hatte der Singeklub Familienangehörige, Freunde und Bekannte sowie Vertreter des Betriebes Nachmittags zu einer letzten
Aufführung der "Überlegungen" ins Kulturhaus eingeladen. Anschließend wollte man feten... Am Vormittag wurde Migo zum Leiter des Kulturhauses
gerufen, der ihm mitteilte, daß das Kulturhaus ab Juli einen Mitarbeiter für ein Vierteljahr an die neue Walzstraße zur "sozialistischen Hilfe" abstellen
müsse. Und es wurde deutlich, daß dieser Mitarbeiter nur Michael Goschütz heißen könne... andere Alternativen kämen gar nicht in Frage, auch wenn
es sie gäbe. In Migo begann es zu kochen...
Den Auftritt machte er noch mit, an der Fete wollte er schon nicht mehr teilnehmen. Seine Frau und der Klub überredeten ihn schließlich doch, aber er
hatte den ganzen Abend über miese Laune und die merkte man ihm an. Der stellvertretende BGL-Vorsitzende Werner Beck nahm ihn schließlich zur
Seite und sagte ihm: "Du bist hier auf die falschen Leute sauer. Warts ab, wir werden sehen, was wir tun können". So richtig wußte Migo nicht, was
damit gemeint war, aber zunächst blieb er im Kulturhaus.
Ein letztes Mal traf sich der Klub Anfang Juli bei Rolf Wegässer im Garten und fetete bis weit nach Mitternacht. Mit dem geplanten "Weitermachen in
anderer Form" wurde es nichts - organisatorische und personelle Veränderungen ließen es nicht zu.
Und so blieb nur noch festzustellen : Im August 1984 hatte der Singeklub Maxhütte aufgehört, zu existieren.

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